Dazwischen
Samstag, 17. Oktober 2020

#blindDate

blindleben.wordpress.com

Eine Blogparade, bei der das Thema mich sehr interessiert aus verschiedenen Gründen:

Einst, als mich die Psychosen dahinrafften aus dem Normalbetrieb in die Hölle der Existenz wünschte ich mir mehr als einmal, ich würde erblinden. Es ist nicht zynisch gemeint, ich ertrug den Anblick der Welt nicht mehr, aber das Hören half mir über so vielen Kummer hinweg. Musik, das Radio, Stimmen in der Wohnung nebenan, die Nachbarin die das Schifferklavier zu lernen begann, es war als wäre die akustische Welt sicher für mich, auch im Verstehen der Emotionen, aber die optische ein Alptraum aus Ablehnung und Hass. Ich besprühte den Badezimmerspiegel mit silbernem Lack, nur damit ich meinem Anblick nicht mehr begegnen musste und spitzte weiter fest die Ohren, um Oberwasser zu behalten, irgendwie.

Dann kam eine Zeit, als ich in der Arbeitsreitegrationsmaßnahme Barrierefreiheit vermaß, mit Disto und Schmieche (Zollstock) ausgerüstet, hoffnungslos verliebt in den Trainer und hoffnungslos geliebt vom Kollegen. Zum ersten mal wurde mir bewußt, wie katastrophal manche Sachen sind, hängende Briefkästen als schmerzhafte Fallen für Menschen mit Blindenstock, enge Eingänge womöglich noch mit Treppe zu Toiletten für Rollstuhlfahrer unmöglich zu schaffen. Es schärfte die Wahrnehmung.

Und eines Tages gab es dort einen Vortrag eines blinden Lehrers für Braille-Schrift, der anderthalb Stunden dauerte und an dessen Ende ich so enorm frustriert war, weil dieser Mann über eine Palette an Emotionsausdrücken verfügte die mir wie eine fremde Welt erschien. Ich kannte damals traurig, todtraurig, manisch und froh, vielleicht noch deprimiert und grantig. Aber er erzählte aus seinem durchaus auch schweren Leben in einer reichhaltigen Sprache dass ich vor Neid schier platzte.

'So ist es also doch, das blind sein nicht so schlimm wie das psychisch krank sein', dachte ich damals. Heute würde ich nie wieder vergleichen, Leid aufwiegen, aber auch, als eines von vielen Puzzleteilen, half mir die Ausdrucksstärke dieses Mannes, sie spornte mich an mein tiefes Loch weiter zu überwinden.

Später dachte ich nicht mehr, ich möchte blind sein, aber die Achtsamkeit für Hindernisse ist geblieben und die Hochachtung davor ein Leben ohne diesen Sinn zu leben weiter gewachsen. Unsere Welt ist grell und quietschig, sie blinkt und wummert einen zu mit Licht, die Sterne sieht man selten hier in der Stadt. Die Bilderflut ist gewaltig, und das Fernsehen ist mir seit damals verwehrt geblieben, es interessiert mich überhaupt nicht mehr. Vielleicht könnte es Ruhe für den Geist sein, etwas weniger zu beleuchten, was hier ist und lebt.

Wir waren dann noch bei Dialog im Dunkeln, das war so wild dass ich bis heute nicht recht drüber nachdenken kann, irgendwie kam ich dem Kollegen etwas näher unabsichtlich und genoß das in einer Art und Weise, wie ich ihm nie nahe gekommen wäre bei Licht, nicht weil er mir nicht gefiel, es war mehr die Art wie er mich ansah, die weggefallen war. Der Blick hatte mich immer zurückschrecken lassen. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, ich hoffe, er hat auch seinen Weg gefunden.

Später fand ich dann Recovery und meinen Besten, seit bald 13 Jahren kenne wir uns und haben einen Sohn gemeinsam, der auch ein ziemlicher Wirbelwind ist. Gut gebunden, kann man so sagen. Zumindest gut genug.

Mein Lebensgefährte jedenfalls ist farbenblind, ich liebe nichts mehr als Farben, habe immer schon ein starkes Gespür für Zusammenhänge und kleide mich sehr gerne bunt. Vor einiger Zeit sah ich manipulierte Bilder, die den Unterschied in der Wahrnehmung verdeutlichen sollten. Ich war gelinde gesagt geschockt, wie er die Welt sieht.

Seither verstehe ich wohl etwas in seiner Art ein bisschen besser. Das weniger bunte, das etwas über 'okay' selten hinauskommt, ohne explosive Freudenausbrüche lebt. Vielleicht, zumindest, liegt an daran, dass er den Wahnsinn eines grünen Baumes mit roten Blüten nicht sehen kann.

Aber nein, denke ich dann. Das Zwitschern der Vögel im Frühling, der Geruch nach feuchter Erde, die Sonne auf der Haut und das Rascheln der Blätter, das ist die Wahrnehmung des Lebens, und die braucht nicht alle Sinne, niemals, nur jemanden der einem zeigt wie man das, was da ist erkennt und lieben lernt.

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